Pop vs Klassik - Teil 2

19. Mai 2019

Pop vs. Klassik - Klassischer Gesang

 

Ich liebe den klassischen Gesang. Es ist für mich das Singen mit dem ganzen Körper. Als ehemalige Sportlerin kommt es, was die andauernde Disziplin betrifft, dem früheren Alltag ziemlich nahe. Für viele aber ist er heute eher befremdlich. Ich begegne immer wieder Aussagen, dass er geschrien und hinten im Hals gebildet klingt. Ich möchte solche Irrtümer ausräumen und auf den Hintergrund, den Ursprung, kurz eingehen. 

Zunächst aber, eine klassische Stimme sollte nicht schreiend, geknödelt oder eiernd klingen! Wenn sie das tut, ist die Technik noch nicht ausgereift oder der Sänger ist in aktuell körperlicher schlechter Verfassung.  

 

Warum singen die denn so? Nun, nicht nur das Klangideal und der Musikstil war zur Entstehungszeit anders, sondern es gab schlichtweg keine technischen Verstärker. Das heißt, der Körper musste so trainiert sein, dass er der Stimme sein ganz eigener Verstärker ist. Sämtliche Resonanzbereiche müssen erschlossen sein, um dann so über ein Orchester hinweg einen großen Saal ‚beschallen‘ zu können. Der Beruf eines Opernsänger ist somit vergleichbar mit einem Hochleistungssportler. Was leicht und natürlich beim Performen aussieht, ist in Wirklichkeit tägliche harte Arbeit.

 

Die Resonanzräume wären wie beim Popgesang die Kopf-, Misch- und Brustresonanz. Hinzu kommt noch die Nebenresonanz im hinteren Bereich des Kopfes, lediglich das Einsetzen und Mischen der entsprechenden Register sind in den Stilen verschieden.

 

Während, wie schon im ersten Teil des Blogs erwähnt, die Registerwechsel  (Passaggio) im Pop zu hören sein dürfen, verlangt das klassische Klangideal die Ausgeglichenheit der Tongebung über alle Register (Brust-, Mittel-, Kopfregister) hinweg. Der Wechsel darf auf keinen Fall hörbar sein. In der Bruststimme sollte aber immer anteilig Kopfstimme (Obertöne) beigemischt sein, in der Kopfstimme die Bruststimme, bis zu einer bestimmten Höhe, bis allmählich das Flötenregister (Pfeifregister) einsetzt. Also sehr hoch ;-)

 

Um eine freie Tongebung zu erzielen muss der Kehlkopf immer in Tiefstellung sein. Somit ist auch der  freie Atemfluss (Atemsäule) gewährleistet, auf dem die Stimme gebildet wird. Das Singen auf dem Atem ist Ziel, um ein schönes tragendes Vibrato (nicht Tremolo) zu bekommen. Aber auch im klassischen Bereich gibt es von den Epochen her Unterschiede. In der Alten Musik und dem Barock muss es sehr fein dosiert sein, während in späteren Epochen mehr bis volles Vibrato verlangt ist.

Das Singen in der Maske vorne ist unabdingbar, um bis in die hintersten Reihen eines Raumes oder Theaters zu hören zu sein. Durch das Wölben des weichen Gaumens (Soft Palate) und Eröffnen bestimmter anderer Resonanzbereiche und das Zusammenspiel der richtigen Atemstütze sowie den optimalen Stimmsitz bekommt die Stimme im Idealfall einen wunderschönen runden, metallischen Klang, der die Tragfähigkeit und Schönheit der klassischen Stimme ausmacht.

Auch hier gilt, je trainierter, desto freier ist man im Ausdruck der Musik oder Geschichte, die man 'erzählen' möchte.


Auf den Musical Gesang gehe ich nur noch ganz kurz ein. In früheren Musicals, wie z.B. ‚Das Phantom der Oper‘ war eher eine Mixvoice aus Klassik- und Popstimme gewünscht, während heutige Musicals eher für das reine typische Belting (Schmettern) geschrieben sind. Die Anforderungen an einen Musicalsänger haben sich verändert, besser gesagt noch vervielfältigt.


Meine Erfahrung als Sängerin, die Pop sowie Klassik singt, ist, das beide Stile entsprechend zu singen wichtig ist, um der jeweiligen Musik oder den Songs Ausdruck verleihen zu können und gerecht zu werden.

Für die Popmusik habe ich von der Klassik gelernt in der Story, also im Text oder der Rolle zu sein, was eben gesagt werden möchte, auszudrücken.

 

Natürlich weiß ich, das man meiner Popstimme im Tembre die klassische Ausbildung sehr wohl anhört. Das macht sie aber, finde ich, so einzigartig und unverwechselbar. Für das Lernen des klassischen, bzw. des Operngesangs erschwert mir zugegebenermaßen das Switchen durch die Stile. Dennoch möchte ich beides nicht missen und ich bleibe dran, schließlich macht ja Übung den Meister, nicht wahr!

 

In diesem Sinne, viel Freude beim Sing-Workout euch allen!